Rückblick auf den Anlass «Kunsthandwerk Fellfilzen» vom 22. Januar 2026, Stadtbibliothek Opfikon
An einem kalten Winterabend verwandelte sich (das Provisorium der) Stadtbibliothek Opfikon (im Dorf-Träff) in eine kleine Werkstatt voller Wärme, Wolle und Geschichten. Rund dreiundzwanzig Interessierte folgten der Einladung des Naturschutzvereins Mittleres Glatttal (NVMG), um das seltene Handwerk des Fellfilzens kennenzulernen. Zu Gast war Carmen Neumayer, Fellfilzerin und Inhaberin der Fellfilzerei Jawoll, die mit grosser Leidenschaft, Herzlichkeit und einer unverwechselbaren persönlichen Note durch den Abend führte.
Carmen begann mit einem Einblick in ihre Arbeit und ihre Motivation: «Handwerk bedeutet, nicht in grossen Mengen zu denken, sondern in einzelnen Stücken. Jedes Werk trägt eine eigene Handschrift und jede Faser erzählt ihre Geschichte.» Damit war der Ton des Abends gesetzt: Es ging nicht nur um Technik, sondern um Beziehung: «eine Beziehung zum Material, zu den Händen und ein bisschen auch zu sich selbst.»

Im ersten Teil ihres Vortrags nahm sie das Publikum mit auf eine Reise durch die Geschichte von Mensch und Schaf. Seit rund 10’000 Jahren begleitet das Tier den Menschen, ursprünglich nicht wegen der Wolle, sondern als vielseitiger Versorger. Mit der Zeit wurde die Schur zur Pflege und Verantwortung. Carmen zeigte, wie eng Kulturgeschichte und Textilhandwerk miteinander verbunden sind: Von den Wikingerinnen und Wikingern, deren Textiltechnologie weite Reisen ermöglichte, bis zur Schweiz, wo Schafe einst Allroundtiere waren, bevor Milchwirtschaft, Globalhandel und synthetische Fasern ihren Wert verdrängten.
Heute, so erklärte Carmen, sei Wolle oft ein ungeliebtes Nebenprodukt. «Wolle ist kein Abfall. Sie ist eine High‑Tech‑Faser. Sie ist ein nachwachsender Rohstoff. Sie kann viele Probleme lösen – Kälte, Lärm, Feuchtigkeit – und verbindet dabei traditionelle und moderne Anwendungen. Gerade diese Vielseitigkeit gibt ihr ihren Wert.» Aber es gibt Hoffnung, denn Carmen ist nicht die Einzige, die mit innovativen Projekten der Schafwolle wieder ihren Wert zurückgibt, sei es in der Mode, im Bauwesen als Dämmmaterial oder als natürlicher Dünger.
Mit sichtbarer Begeisterung zeigte sie verschiedene Wollarten, liess die Teilnehmenden Rohwolle und gewaschene Wolle vergleichen und erklärte, wie sich grobe und feine Fasern unterscheiden. Anschliessend führte sie in die Technik des Fellfilzens ein: «Fellfilzen bedeutet, ohne Haut zu arbeiten. Ein Filzfell entsteht allein aus Wolle. Dabei wird Rohwolle mit Kardwolle kombiniert. Mit Wasser, Seife und stetiger Bewegung verbinden sich beide Schichten dauerhaft miteinander. So entsteht eine typische Felloptik, komplett ohne Leder.»

Dass Handwerk Zeit, Geduld und Erfahrung braucht, wurde schnell deutlich: «Ein Filzfell entsteht nicht nebenbei. Es braucht viele Stunden konzentrierter Arbeit. Die Hände sind ständig in Bewegung. Handwerk bedeutet, das Material zu lesen, nicht es zu normieren.»
Zum Abschluss überraschte Carmen das Publikum mit einem selbst gestalteten Schattentheater aus Schafwolle: eine poetische Geschichte über die Wälder und ihre Bewohner. Die feinen, aus Wolle gefilzten Bühnenbilder tauchten den Raum in sanftes Licht und liessen die Verbindung zwischen Natur, Material und Kunst spürbar werden. Carmens Schattentheater gibt es auch auf YouTube nachzusehen.

Der Abend endete mit grossem Applaus und angeregten Diskussionen. Wer bisher dachte, Wolle sei nur ein Nebenprodukt, verliess die Bibliothek mit einem neuen Blick auf dieses vielseitige Material und mit grosser Bewunderung für ein Handwerk, das Geduld, Achtsamkeit und echte Hingabe verlangt.
Beitrag und Bilder von Nadine Koller.
